Inspiration

Digitale Barrierefreiheit

F.acT: Welche Auswirkungen hat das seit Juni 2025 geltende Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) auf digitale Angebote im Tourismus und wie bereiten sich Organisation und Unternehmen darauf vor?

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Beate Öttl: Mit dem BFSG (Barrierefreiheitsstärkungsgesetz), das seit dem 28. Juni 2025 in Österreich bzw. gemäß EU-Richtlinie für viele digitale Angebote gilt, sind Betreiber:innen von Websites, Online-Shops, Buchungsportalen oder Apps verpflichtet, ihre digitalen Angebote barrierefrei zu gestalten. Das Gesetz sieht aber durchaus Ausnahmen vor. Etwa für Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitenden und unter 2 Mio. € Jahresumsatz. Ein kleines Hotel oder eine Pension könnte also zumindest formal nicht zur Umsetzung verpflichtet sein. Dennoch halte ich es auch abseits gesetzlicher Notwendigkeiten für sinnvoll, Websites barrierefrei zu gestalten. Wer jetzt investiert, schafft bessere Erreichbarkeit und Kundenbindung und vermeidet potenzielle Nachrüstung, wenn der Betrieb wächst.

Konkret heißt das für touristische Betriebe: Buchungsportale, Unterkunfts-Websites, Tourismus-Apps, Online-Informationen oder E-Ticketing, die unter dieses Gesetz fallen, müssen möglichst zugänglich für alle Menschen gestaltet sein. Auch Menschen mit Behinderungen wie z. B. Seh-, Hör- oder Mobilitätseinschränkungen müssen die Websites und Buchungsportale nutzen können. In der Praxis bedeutet das oft: Inhalte mit mehreren Sinnen erfassbar machen. Videos nicht nur hörbar, sondern mit Untertiteln zum Mitlesen. Bilder beschreiben durch Alternativ-Texte, Inhalte für Tastaturnavigation und die Nutzung von Screenreadern optimieren. 

Für Webdesign-Agenturen bedeutet das: Wer Tourismus-Kund:innen berät oder Websites erstellt, muss bei der Planung gleich von Beginn an Barrierefreiheit mitdenken. Wenn der Betrieb das noch nicht umgesetzt hat, ist es empfehlenswert, eine Website-Analyse durchzuführen, um notwendige Anpassungen zu planen und umzusetzen.

F.acT: Wie profitieren verschiedene Gästegruppen sowie der Betrieb selbst von barrierefreien digitalen Angeboten?

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Beate Öttl: 

  • Für Gäste mit Behinderungen, ältere Menschen oder eingeschränkter Mobilität: Barrierefreie Angebote schaffen echte Teilhabe und ermöglichen selbstständige Buchungen, Informationen oder Services, ohne auf Hilfe angewiesen zu sein. Damit werden sowohl die Urlaubsplanung als auch der Urlaub inklusiver und zugänglicher.
  • Für alle Gäste: Gute Usability nützt nicht nur Menschen mit Behinderungen: Klar strukturierte Websites, verständliche Sprache, gute Navigation und sauberes Design kommen allen zugute. Ältere und weniger web-erprobte Gäste profitieren ebenso.
  • Für den Betrieb selbst:
    • Breitere Zielgruppe: Betriebe können mehr potenzielle Gäste erreichen, inklusive Menschen, die sonst ausgeschlossen wären. Ca. 15 % der Weltbevölkerung haben eine Behinderung, das sind in der EU ca. 80 bis 100 Millionen Menschen.
    • Wettbewerb & Image: Barrierefreiheit wird mehr und mehr als Qualitäts- und Servicemerkmal wahrgenommen. Betriebe können das als echten Pluspunkt nutzen.
    • Rechtliche Sicherheit: Durch Einhaltung der gesetzlichen Anforderungen schützt man sich vor Abmahnungen, Bußgeldern und Reputationsrisiken.

Gerade auch jüngere, digital affine Zielgruppen bringen immer höhere Erwartungen an Websites und Buchungsportale mit. Gute Benutzbarkeit ist da längst kein Nice to Have, sondern eine Notwendigkeit. Barrierefreiheit ist Teil einer professionellen Gestaltung Kundenansprache 

F.acT: Vor welchen konkreten Herausforderungen stehen touristische Betriebe bei der praktischen Umsetzung digitaler Barrierefreiheit, beispielsweise bei Buchungsportalen, Apps oder Websites?

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  • Technisches Know-how & Aufwand: Viele kleine/mittlere Betriebe haben keine Entwickler:innen oder Designer:innen mit Erfahrung in Barrierefreiheit. Dementsprechend ist die Anpassung auf Standards wie WCAG 2.1 auf Barrierefreiheit natürlich immer mit Kosten für Betriebe verbunden, z. B. für Analysen, Tests und Optimierungen. Dieser Aufwand lohnt sich i.d.R. aufgrund der erweiterten Zielgruppe, verbesserten Image und vermiedenen Strafen.
  • Komplexe Inhalte und Medien: Tourismus-Websites enthalten oft viele Bilder, Videos und interaktive Elemente (Buchungskalender, Karten, Filter). All das muss barrierefrei gemacht werden.
  • Unterhalts- und Wartungsaufwand: Barrierefreiheit darf nicht als einmaliges „Feature“ verstanden werden.  Jedes Update, jede neue Seite, jeder neue Inhalt muss wieder geprüft und ggf. angepasst werden. Meine Empfehlung ist daher, mit den Website Mitwirkenden zu sprechen (Agenturen, Mitarbeitende) und sicherzustellen, dass Barrierefreiheit im Website-Erstellungsprozess verankert wird.
  • Ressourcen & Priorisierung: Gerade kleinere Betriebe stehen vor der Frage: Budget und Zeit für Barrierefreiheit oder Fokus auf andere Baustellen? Manche unterschätzen, wie aufwändig das werden kann.
  • Bewusstsein & Kompetenz: Oft fehlt das Bewusstsein dafür, was Barrierefreiheit konkret bedeutet und wie sie technisch korrekt umgesetzt wird. Ohne externe Expertise (z. B. Agentur mit Accessibility-Know-How) drohen Schwierigkeiten bei der Umsetzung.

Für Betriebe im Tourismus kann die Umsetzung des BFSG eine echte Chance sein. Für Agenturen und beratende Dienstleister gilt: Wer Websites oder digitale Buchungslösungen für Tourismusunternehmen entwickelt, sollte Barrierefreiheit gleich mit einplanen. Gerade jetzt, kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes, ist eine Analyse der bestehenden Website sinnvoll. Idealerweise mit Priorisierung: wichtigste Seiten/Ansichten zuerst (Informationen, Buchung, Kontakt), dann schrittweise auch weitere Seiten und PDFs. So verteilen sich Aufwand und Kosten überschaubar und Verbesserungen sind schnell spürbar.

Beate Öttl

Beate Öttl ist Inhaberin von studio craft design und spezialisiert auf UX-Design und Website-Strategie für Unternehmen im DACH-Raum. In diesem Rahmen entwickelt sie klare und benutzerfreundliche Websites. 2025 absolvierte sie die Zusatzausbildung „Accessibility: How to design for all“ der Interaction Design Foundation, um digitale Angebote barrierefreier zu gestalten. Mit Videos und Workshops bringt sie das Thema Barrierefreiheit einem breiteren Publikum näher.

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