Forschung

Entscheidungsfindung in Destinationen

Wie werden Entscheidungen in Führungsnetzwerken in Destinationen getroffen?
Abschlussarbeit: Victoria Albertini (2025)

F.acT: Wieso ist das Thema für die Tiroler Tourismuswirtschaft relevant?

Victoria Albertini

Victoria Albertini: Der alpine Raum und Tirol sind durch zahlreiche Community-Modell-Destinationen geprägt, in denen viele unabhängige Akteur:innen – von Tourismusverbänden über Bergbahnen bis hin zu Hotel- und Gastronomiebetrieben und Gemeinden – gemeinsam das touristische Angebot gestalten. Durch diese dezentralen, nicht-hierarchischen Strukturen werden Entscheidungsprozesse zunehmend komplexer und stellen hohe Anforderungen an Kooperation, Koordination und Führung, die ein gemeinsames Ziel sicherstellen müssen. 

Meine Masterarbeit leistet einen wertvollen Beitrag zum Verständnis darüber, wie strategische Entscheidungen tatsächlich in der Praxis in Destinationen mit zahlreichen Akteur:innen getroffen werden und welche Rolle informelle Interaktionen und Prozesse dabei spielen.

F.acT: Welches methodische Vorgehen haben Sie in Ihrer Arbeit angewandt?

Victoria Albertini

Victoria Albertini: Um bestmögliche Einblicke in die Entscheidungs- und Konsensfindungsprozesse im Führungsnetzwerk der untersuchten Destinationen zu erhalten, wurde ein qualitativer, explorativer Forschungsansatz gewählt. Die Untersuchung stützt sich auf elf leitfadengestützte Expert:inneninterviews mit zentralen Entscheidungsträger:innen aus den Tiroler Destinationen Stubai und Innsbruck, darunter politische Vertreter:innen, leitende Angestellte und Funktionär:innen der TVBs sowie Akteur:innen von buchungsrelevanten Anbieter:innen in den Destinationen. 

Die Auswertung der Interviewdaten erfolgte nach der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz. 

F.acT: Was sind die Kernergebnisse Ihrer Arbeit und welche Bedeutung haben diese für touristische Destinationen und Betriebe?

Victoria Albertini

Victoria Albertini: Die Ergebnisse zeigen, dass Entscheidungsprozesse in den Führungsnetzwerken der Destinationen zunehmend auf ein Zusammenspiel formeller und informeller Strukturen verlaufen: Informelle Gespräche in kleinen Runden dienen der Vorbereitung formeller Beschlüsse, indem Ideen gesammelt, Positionen abgestimmt und Konsens gebildet wird. Erst danach werden Entscheidungen in formellen Gremien – etwa in Vorständen der TBVs oder politischen Ausschüssen – offiziell verabschiedet. Dies deutet auf einen hybriden Entscheidungsprozess hin, wobei nicht immer klare Grenzen zwischen formellen und informellen Strukturen erkennbar sind. Auf Basis der Ergebnisse konnte ich schließlich ein vierstufiges Trichtermodell zur Veranschaulichung der Entscheidungsprozesse in touristischen Führungsnetzwerken ableiten, das einen typischen Ablauf von dynamischen Entscheidungsprozessen und dem Zusammenspiel zwischen informeller Entscheidungsvorbereitung sowie formaler Beschlussfassung zeigt. 

Trichtermodell

Victoria Albertini: Gemeinsame und einheitliche Zielsetzungen sowie ein hohes Maß an Vertrauen zwischen den Akteur:innen erleichtern dabei die Entscheidungsprozesse und Konsensbildung maßgeblich. Für die Akteur:innen in den Destinationen bedeutet das konkret: Informelle Netzwerke sind kein Widerspruch zu professioneller Führung, sondern deren notwendige Ergänzung.

F.acT: Welche konkreten Handlungsempfehlungen geben Sie in Ihrer Masterarbeit?

Victoria Albertini

Victoria Albertini: Auf Basis der Ergebnisse wurden acht Handlungsempfehlungen zur Optimierung der Entscheidungsprozesse und für eine effektive Zusammenarbeit in Führungsneztwerken in Destinationen ausgearbeitet:

  • Gemeinsame, geteilte Ziele als strategische Grundlage etablieren, die als Orientierung für künftige Entscheidungen dienen. 

  • Vertrauen als soziale Infrastruktur fördern, da Vertrauen eine Basis für offene Kommunikation und konsensorientierte Zusammenarbeit ist. Dabei muss Vertrauen gezielt aufgebaut werden.  

  • Reflexion und Lernprozesse integrieren, beispielsweise durch die Integrierung von strukturierten Feedback- und Lernprozessen, um das Netzwerk kontinuierlich weiterzuentwickeln. 

  • Governance-Strukturen an den Kontext der Destination anpassen: Strukturen, Gremiengrößen und Entscheidungswege sollten an die jeweiligen Gegebenheiten der Destination angepasst werden. 

  • Externe Player frühzeitig einbeziehen, um potenzielle Probleme oder Konflikte ehest zu erkennen. 

  • Professionalisierung durch Digitalisierungmit interorganisationalen Systemen, die die Effizienz und Transparenz von Entscheidungen erhöhen und strukturierte Planung und Koordination sowie Informationsaustausch ermöglichen. 

  • Professioneller Umgang mit personellen Veränderungen, sowohl bei Neuzugängen als auch bei Abgängen. 

  • Diversität und Brückenfunktionen stärken, da Vielfalt das Netzwerk bereichert und Wissen, Perspektiven und die Interessen unterschiedlicher Gruppen ins Führungsnetzwerk eingebracht werden.  

Durch diese Empfehlungen sollen die Qualität, Transparenz und Legitimität von Entscheidungsprozessen in Führungsnetzwerken gesteigert werden, die Zusammenarbeit nachhaltig verbessert und dadurch innovationsfähige und resiliente Destinationen gefördert werden. 

Victoria Albertini

Victoria Albertini und stammt aus Sterzing in Südtirol. Nach ihrem Bachelorstudium in Wirtschaft, Gesundheit und Sporttourismus an der Universität Innsbruck/UMIT Tirol hat sie den Master Entrepreneurship und Tourismus mit Schwerpunkt Strategisches Management und Tourismus am MCI absolviert.
Im Rahmen des Erasmus-Programms durfte sie 2024 ein Auslandssemester an der University of Jyväskylä in Finnland verbringen, wodurch sie wertvolle internationale Erfahrungen sammeln konnte.
Ihre Leidenschaft für die Tourismus- und Gastgewerbebranche begleitet sie seit vielen Jahren – bereits seit ihrer Jugend arbeitet sie in der Hotellerie und konnte vielfältige Einblicke in Betriebe in Südtirol und Nordtirol gewinnen.

Victoria Albertini auf LinkedIn

Masterarbeit Betreuung: Dr. Frieda Raich

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