F.acT: Konzentrieren wir uns auf die Reise- und Tourismusbranche. Warum sollte sie sich die für die LGBTQ+ Community interessieren?
Jens Schadendorf: Queere Menschen sind KundInnen von Produkten und Dienstleistungen. Ihr jährliches Kaufkraftpotential schätzt die Vermögensberatung LGBT Capital auf über 4,7 Billionen US-Dollar jährlich. Das ist deutlich mehr als das deutsche Bruttoinlandsprodukt. Dabei ist klar: Das queere Kaufkraftpotential findet sich nicht nur, aber vor allem in den reichen, westlich geprägten Ländern. Viele Unternehmen haben die damit verbundene ökonomische Chance verstanden und auf die queere Zielgruppe zugeschnittene Produkte entwickelt.
Außerdem schauen vor allem jüngere, gutausgebildete Menschen sehr viel bewusster darauf, wie Firmen mit sozialen Fragen und benachteiligten Gruppen wie der LGBTQ+ Community umgehen. Sie richten ihre Entscheidungen danach aus –auch bei der Wahl ihrer Reiseziele. Das gilt für Wochenendtrips ebenso wie für längere Urlaubsaufenthalte.
Nicht von ungefähr investieren immer mehr Städte – von Amsterdam über London, Sidney und San Francisco bis nach Köln, Wien und Zürich – gezielt in Queer-Freundlichkeit. Sie vermarkten sie offensiv und ziehen so nicht nur Millionen von LGBTQ+ TouristInnen an. Längst wissen Stadtobere, dass sie mit einer solchen Strategie auch zahllose nicht-queere UnterstützerInnen der queeren Community anlocken.
F.acT: Der LGBTQ+ Reisemarkt wächst also?
Jens Schadendorf: Die Forschung dazu ist aus guten Gründen nicht einfach. Wie erfasst man, dass jemand zur queeren Community gehört? Und darf man es überhaupt erfassen?
Aber ja, der globale LGBTQ+ Reisemarkt wächst zügig. Für 2025 schätzen ihn Studien auf rund 357 Milliarden US-Dollar. Bis 2032 erwarten sie eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von knapp 8 Prozent, was einer Vergrößerung des Marktes auf mehr als 600 Milliarden US-Dollar entspricht. Er wird damit noch attraktiver für ReiseveranstalterInnen, DienstleisterInnen und Destinationen.
F.acT: Inwieweit ist das auch relevant für die Politik?
Jens Schadendorf: Ich sagte bereits: In vielen großen Städten wissen PolitikerInnen längst, dass sich Queer-Freundlichkeit auszahlt. Sie haben aber auch verstanden, dass sie einiges dafür zu tun haben. Die queeren – und die mit ihnen sympathisierenden nicht-queeren – Gäste müssen die damit verbundene Weltoffenheit, Toleranz und Wertschätzung auch glaubwürdig erleben können – im öffentlichen Raum, in Hotels, Gastronomie und so weiter. Erst dann also, wenn so etwas wie ein queer-freundliche Kultur entstanden ist oder im Entstehen begriffen ist, zahlt sich die Vermarktung als queer-freundliche Destination auch aus. Insofern ist die Aufgabe der Politik in dieser Hinsicht eine kontinuierliche. Sie ist kein Saisonjob, etwa zur nächsten Pride-Veranstaltung im Sommer, sondern ein Ganzjahres-Job.
F.acT: Und jenseits der Städte?
Jens Schadendorf: Da bekommt man interessante Zahlen – etwa in volkswirtschaftlichen Studien mit Tourismusrelevanz. Eine Untersuchung zu zwölf englischsprachigen Karibikstaaten schätzt etwa, dass die Diskriminierung von LGBTQ+-Personen die Region jährlich bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar kostet. Das entspricht 5,7 Prozent des regionalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Hauptursachen sind nicht genutztes Humankapital, höhere Gesundheitskosten, geringere Produktivität, reduzierte Investitionen - und vor allem: Einbußen im Tourismus, weil Reisende diskriminierende Destinationen meiden.
F.acT: Was leiten Sie daraus ab? Für Österreich?
Jens Schadendorf: Nicht alle Studien zeigen derart große BIP-Verluste. Trotzdem lässt sich einiges dazu sagen. Zum Beispiel: Länder, die queere Menschen diskriminieren, zahlen dafür langfristig einen hohen ökonomischen Preis – auch als Reisedestinationen.
Das gilt im Übrigen auch für Regionen und kleinere Gemeinden – was mich zu Österreich führt. Für das Land ist der Tourismus ein zentraler, überlebenswichtiger Wirtschaftsfaktor. Dass Wien queer-freundlich ist, ist bekannt. Aber es könnte sich auch für einzelne Bundesländer und Gemeinden lohnen, gezielt und glaubwürdig auf Queer-Freundlichkeit zu setzen. Natürlich wäre das eine Aufgabe, die lokale Politik und Reise- und Tourismuswirtschaft gemeinsam anzugehen hätten.
Flankierend – oder auch unabhängig davon – könnten sich aber auch kleinere oder mittelgroße Hotels auf dem Land oder in kleinen Städten selbst Lernprozesse verordnen – etwa, indem sie von großen Ketten lernen. Hilton, Marriott und Accor zum Beispiel haben LGBTQ+ Inklusion längst zu einem Teil ihrer Kernstrategie gemacht, schulen ihr Personal entsprechend, machen glaubwürdige Angebote und anderes mehr. Sie wissen warum: Die queere Community gilt im Schnitt als besonders reisefreudiger und ausgabewillig.
Auch ein Blick auf die üblichen Reiseplattformen könnte die „Kleinen“ in den Regionen und Gemeinden inspirieren, glaubwürdige Veränderungen in Gang zu bringen, um die mit queeren Reisenden verbundenen wirtschaftlichen Potenzial zu nutzen. Längst können Reisende etwa bei Booking.com in der Rubrik TraveProud LGBTQ+ inklusive Angebote.

