F.acT: Was steckt hinter dem Begriff der Lichtverschmutzung?
Tobias Muster: Lichtverschmutzung bezeichnet die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliches Licht. Diese wirkt sich auf drei Ebenen aus:
- Erstens sind immer weniger Sterne am Sternenhimmel sichtbar, das Wunder Sternenhimmel und das Wissen darüber, die Geschichten und menschliche Kulturgeschichte, die darin stecken, drohen verloren zu gehen. Zudem werden astronomische Beobachtungen erschwert.
- Zweitens wirkt sich Lichtverschmutzung auf die Natur und nächtliche Ökosysteme aus, insbesondere auf Insekten. Lichtverschmutzung gilt neben Pestizideinsatz, Flächenversiegelung und Zerschneidung von Ökosystemen als ein, jedoch vernachlässigter Hauptgrund für den Rückgang von Insektenpopulationen. Durch die wichtige Rolle von Insekten in Nahrungsketten und ihre Bestäubungsleistungen sind indirekt auch wir Menschen betroffen.
- Drittens wirkt sich ein Zuviel an künstlichem Licht in der Nacht auch direkt auf uns Menschen aus: auf die Qualität unseres Schlafes und der nächtlichen Regeneration. Es steht damit auch unter Verdacht, zu zivilisatorischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht beizutragen.
F.acT: Wieso ist das auch für Touristiker:innen ein spannendes Thema?
Tobias Muster: Betrachtet man Lichtverschmutzungskarten von Europa, sticht der Alpenbogen und insbesondere Österreich als eine dunkelblaue Region mit noch verhältnismäßig wenig Lichtverschmutzung hervor. 2/3 der Bevölkerung Europas können von ihrem Wohnort aus die Milchstraße aufgrund von Lichtverschmutzung nicht mehr sehen. In Tirol ist das in ländlicheren Regionen bereits am Ortsrand möglich, in dunklen Talschlüssen werden die Milchstraße und der Sternenhimmel zum unübersehbaren Erlebnis. Viele Erwachsene kennen so einen Sternenhimmel nur noch aus ihrer Kindheit, für jüngere Generationen aus städtischen Regionen ist er zum Teil gänzlich unbekannt und überwältigend. Insbesondere sanfteren Tourismusregionen mit weniger Infrastruktur bietet sich also die Möglichkeit, neben der Bergwelt bei Tag bewusst Erlebnisse in der Nacht zu entwickeln. Gleichzeitig stellt sich aber die Aufgabe, die relative Dunkelheit dieser Orte zu bewahren.
F.acT: Wie können Destinationen das Thema Lichtverschmutzung aktiv angehen?
Tobias Muster: In Tirol gibt es mit dem Tirol Kompetenzzentrum für Lichtverschmutzung und Nachthimmel bei der Tiroler Umweltanwaltschaft eine seit Jahrzehnten tätige Institution mit viel Expertise auf dem Gebiet. Auf Bundesebene ist die Lichttechnische Gesellschaft Österreichs (LTG) zu nennen. Auf internationaler Ebene zertifiziert die International Dark Sky Association Lichtschutzgebiete und Regionen, die Maßnahmen ergreifen, ihren natürlichen Nachthimmel zu bewahren. In Österreich ist der Sternenpark Attersee-Traunsee das erste Beispiel und weitere Regionen sind im Gespräch. In Tirol verfolgt das Kaunertal aktuell diesen Weg. Die Maßnahmen umfassen u.a. eine gezielte (Um)Gestaltung von öffentlicher, privater und gewerblicher Beleuchtung bzw. Bewusstseinsbildung über eine nachhaltigere Nutzung dieser. Auch viele Klima und Energie-Modell (KEM)-Regionen entdecken das Thema zunehmend für sich.

