F.acT: Wofür steht Terra Raetica und welche Regionen umfasst diese?
Sebastian Vicoli: Terra Raetica (rätisches Land) bezeichnete man zur Zeit der Römer die kulturelle Gemeinschaft mehrer Völker des Alpenraumes - heute gewinnt die Terra Raetica ein neues Gewicht. Als grenzüberschreitendes CLLD Interreg Programmgebiet im IT-AT Programm werden Projekte mit 70% von der EU gefördert, damit Gemeinden, Städte, Tourismusverbände und Vereine über Landesgrenzen hinweg in der Region zusammenarbeiten. CLLD steht für Community Led Local Development, das bedeutet, dass die lokalen Akteure der Region selbst Bottom-up entscheiden, welche grenzüberschreitenden Projekte sie umsetzen wollen. Das Programmgebiet Terra Raetica umfasst Teile von Nordtirol (Bezirk Landeck und Bezirk Imst), Südtirol (Vinschgau-Val Venosta) und Teile des Kantons Graubünden (Engiadina Bassa/Val Müstair) in der Schweiz.
F.acT: Worin liegen die wesentlichen Projektschwerpunkte der Terra Raetica Zusammenarbeit?
Sebastian Vicoli: Die Regionen der drei Länder sind nicht nur geografisch miteinander verbunden, sondern teilen auch kulturelle Gemeinsamkeiten und stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Ziel des EU-Interreg-Programms ist es, diese gemeinsamen Herausforderungen zu bewältigen und die Lebensqualität in der Region zu steigern. In der Strategie der Terra Raetica sind drei Prioritäten definiert - Integratives Wachstum (Gesundheit und Soziales, Chancengleichheit), Intelligentes Wachstum (Wirtschaft, Innovation und Bildung, Tourismus, Freizeit-Infrastruktur) und Nachhaltiges Wachstum (Kulturelles Erbe, Natürliches Erbe, Mobilität, Energie und Klima). Damit grenzüberschreitende Projekte in diesen Prioritäten Bottom-up entstehen können, werden jährlich jeweils zwei thematische Arbeitskreistreffen (Natur, Kultur, Soziales und Tourismus) von Arbeitskreisleiterinnen organisiert. Die Arbeitskreise bieten den relevanten Stakeholdern der Terra Raetica eine Plattform, um sich auszutauschen und gemeinsam Projekte zu entwickeln. Ein weiterer Arbeitskreis, der bis dato vom Amt für Energie und Verkehr Graubünden organisiert wurde, ist Mobilita Raetica – auch „Schlanderser Gespräche“ genannt.
F.acT: Was ist das übergeordnete Ziel von Mobilita Raetica?
Sebastian Vicoli: Das übergeordnete Ziel von Mobilita Raetica ist die Verbesserung und Weiterentwicklung des grenzüberschreitenden ÖPNVs in den Teilregionen der Terra Raetica, sodass zukünftig mehr Personen (Einheimische und Tourist:innen) auf die Nutzung des PKWs verzichten und stattdessen mit den ÖFFIS anreisen. Im Fokus steht dabei der ÖPNV als zentrales Element einer nachhaltigen Mobilität über Landesgrenzen hinweg. Mobilita Raetica fördert den kontinuierlichen Austausch und die enge Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Verkehrsverbünden der drei Länder, dem VVT in Tirol (Österreich), der STA in Südtirol–Vinschgau (Italien) sowie der SBB beziehungsweise dem Kanton Graubünden in der Schweiz. Darüber hinaus wird auch die Kommunikation zwischen den Busunternehmen sowie der Austausch zu Fragen des grenzüberschreitenden öffentlichen Verkehrs zwischen den politischen Verantwortungsträgern, wie den Bezirkshauptleuten und Bezirkshauptfrauen beziehungsweise auf Schweizer Seite der Präsidentin, gezielt unterstützt. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, das Angebot des öffentlichen Verkehrs kontinuierlich zu verbessern, besser aufeinander abzustimmen und für die Bevölkerung attraktiver zu gestalten. Besondere Relevanz hat dieses Ziel seit der Einführung der grenzüberschreitenden Buslinie 273 von Landeck nach Mals, die seit dem 10. Dezember 2023 täglich verkehrt und einen wichtigen Meilenstein für den grenzüberschreitenden ÖPNV in der Region darstellt.
F.acT: Welche Initiativen werden gesetzt, um die Nutzung nachhaltiger Mobilität attraktiver zu gestalten?
Sebastian Vicoli: Um die Nutzung nachhaltiger Mobilität attraktiver zu gestalten, setzt Mobilita Raetica auf Maßnahmen auf mehreren Ebenen und dreht bewusst gleichzeitig an verschiedenen Stellschrauben. Eine zentrale Initiative ist die Attraktivierung und Erneuerung der Haltestelleninfrastruktur entlang der grenzüberschreitenden Buslinie 273. Gefördert werden dabei ausschließlich Haltestellen aus Holz, was den regionalen und nachhaltigen Charakter des Projekts unterstreicht. Der Fokus auf Haltestellen wurde bewusst gewählt, da die Initiative maßgeblich von den beteiligten Gemeinden Pfunds, Ried, Nauders, Tösens und Mals ausgegangen ist und vom Tourismusverband Tiroler Oberland tatkräftig unterstützt wurde. Zudem zeigen Forschungsergebnisse, dass eine gut ausgebaute Vor-Ort-Mobilität maßgeblich dazu beiträgt, den Anteil jener Tourist:innen zu erhöhen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen – auch aus weiter entfernten Regionen. Gleichzeitig schafft eine hochwertige Haltestelleninfrastruktur in Kombination mit gut frequentierten Busverbindungen einen deutlichen Mehrwert für die einheimische Bevölkerung, insbesondere für Pendler:innen sowie für Schulkinder.
Als weitere Stellschraube wurde ein grenzüberschreitendes Fahrplanheft in Form des Z-Card-Folders umgesetzt, das eine übersichtliche Darstellung des ÖPNV-Netzes in den drei Ländern bietet. Dieses Projekt wurde durch die enge Zusammenarbeit aller Tourismusverbände der Region ermöglicht, wobei jeder TVB der Terra Raetica ein Ausflugsziel ausgewählt hat, das bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Ergänzend dazu setzt sich der Tourismusverband Tiroler Oberland – Teilregion Nauders intensiv für den Lückenschluss des Radwegs auf dem letzten Teilstück zwischen Pfunds und Nauders ein, ein Projekt, das aufgrund geologischer Herausforderungen bereits seit längerer Zeit auf der Agenda steht.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist der Ausbau digitaler Echtzeitanzeigen an Haltestellen dort, wo deren Einsatz sinnvoll ist. Dies erfolgt in enger Zusammenarbeit und mit Unterstützung des VVT. Künftig besteht hier noch Entwicklungsbedarf, insbesondere um sicherzustellen, dass auch Echtzeitinformationen von Schweizer und italienischen Busverbindungen auf den Anzeigen auf österreichischer Seite dargestellt werden können, vor allem an sensiblen Knotenpunkten direkt an der Grenze wie in Nauders und im Bereich Kajetansbrücke bei Pfunds. Ein weiterer geplanter Schritt, der sich derzeit noch in der Ausarbeitungsphase befindet, ist die Errichtung von Radboxen an wichtigen Knoten- und Umsteigepunkten wie dem Bahnhof Landeck und dem Bahnhof Mals, um die Kombination von Radverkehr und öffentlichem Verkehr weiter zu stärken.

F.acT: Welche Einrichtungen sind an dem Interreg Italien-Österreich Großprojekt Mobility3 beteiligt?
Sebastian Vicoli: Am Interreg Italien–Österreich Großprojekt Mobility3 – Zukunftsfähiger ÖPNV in der Terra Raetica sind zahlreiche Einrichtungen aus Verwaltung, Mobilität, Regionalentwicklung und Tourismus beteiligt. Lead-Partner des Projekts ist die Gemeinde Pfunds, die dabei stellvertretend für die Nachbargemeinden Nauders, Ried und Tösens auftritt. Projekt-Partner auf italienischer Seite ist die Gemeinde Mals, während auf österreichischer Seite der Verkehrsverbund Tirol (VVT) als weiterer Projekt-Partner eingebunden ist. Darüber hinaus sind mehrere Einrichtungen als assoziierte Partner am Projekt beteiligt, darunter der Tourismusverband Tiroler Oberland, das Regionalmanagement Landeck (regioL), das Regionalmanagement Unterengadin Regiun Engiadina Bassa / Val Müstair (EBVM), die Genossenschaft für Regionalentwicklung und Weiterbildung GWR-Vinschgau, der Tourismusverein Reschenpass, das Amt für Energie und Verkehr Graubünden sowie die Mobilitätsverbünde Österreich. Zusätzlich haben weitere Institutionen ihr Interesse am Projekt in Form von Letters of Interest bekundet, darunter die Universität Innsbruck - Standort Landeck, die KLAR!-Regionen des Bezirks sowie die EUREGIO.
F.acT: Worin liegt die größte Herausforderung der grenzüberschreitenden Mobilität in der Terra Raetica?
Sebastian Vicoli: Eine der größten Herausforderungen der grenzüberschreitenden Mobilität in der Terra Raetica liegt in den unterschiedlichen Verwaltungsstrukturen, rechtlichen Rahmenbedingungen und technischen Systemen der drei beteiligten Länder, von denen eines kein EU-Mitglied ist. Trotz ähnlicher mobilitätsbezogener Ausgangslagen erschweren insbesondere nicht kompatible digitale Systeme die grenzüberschreitende Kommunikation zwischen Bussen, digitalen Fahrgastinformationsanzeigen sowie den Fahrplan- und Verbindungs-Apps der Verkehrsverbünde. Während auf regionaler Ebene bereits wichtige Vorarbeit geleistet wird, sind langfristig auch Fortschritte auf nationaler Ebene erforderlich. Dieser Themenbereich ist daher Bestandteil des eingereichten Interreg-Großprojekts und wird von den Mobilitätsverbünden Österreich in Zusammenarbeit mit dem VVT bearbeitet.
Eine weitere zentrale Herausforderung ist die zeitliche Abstimmung des Busverkehrs mit dem Bahnverkehr an den drei maßgeblichen Bahnhöfen Landeck, Mals und Scuol-Tarasp, um kurze Umsteigezeiten zu gewährleisten. Unterschiedliche Zuständigkeiten und Fahrplanlogiken machen die erforderlichen Kompromisse komplex, weshalb mit den Schlanderser Gesprächen im Rahmen von Mobilita Raetica eine grenzüberschreitende Plattform zur Fahrplankoordination geschaffen wurde.
Zusätzlich belastet der starke touristische Durchzugsverkehr über den Reschenpass, insbesondere von Deutschland über Österreich nach Italien, die Straßeninfrastruktur erheblich. Um den Pkw-Verkehr zu reduzieren, ist es notwendig, den öffentlichen Verkehr vor allem in ländlichen Regionen gezielt zu attraktiveren. Dazu zählen eine höhere Taktfrequenz, hochwertige Haltestelleninfrastruktur, leicht zugängliche Fahrplaninformationen, der Ausbau der Radinfrastruktur inklusive Abstellmöglichkeiten sowie ergänzende Angebote wie Carsharing und Mobility Hubs. Ziel ist es, den Umstieg vom Pkw auf öffentliche Verkehrsmittel mit möglichst geringen Komforteinbußen zu ermöglichen – eine besondere Herausforderung im Grenzraum, die zugleich den Kernauftrag der beteiligten Regionalmanagements im Rahmen des EU-Interreg-Programms widerspiegelt.

