F.acT: Bei AAC handelt es sich um ein Interreg Bayern-Österreich Projekt. Inwiefern unterscheidet sich dieses von bestehenden SAAC Kursen?
Thilo Bohatsch: Durch seinen klaren Fokus auf Nachhaltigkeit im alpinen Outdoorsport und Tourismus, verändert das Interreg-Projekt AAC (Alpine Awareness Camps) die bestehenden SAAC-Camps inhaltlich. Während SAAC-Camps seit vielen Jahren erfolgreich auf die Bewusstseinsbildung zum Thema Sicherheit von einzelnen Bergsportler:innen abzielen (z. B. Lawinenkunde oder Risikoeinschätzung), erweitert AAC diesen Ansatz um eine ökologische, soziale und touristische Dimension.
Im Zentrum von AAC steht ein verantwortungsvoller Umgang mit Natur- und Lebensräumen in den Alpen. Themen wie der Schutz alpiner Fauna und Flora, Nutzungskonflikte zwischen Freizeitnutzung und regionalen Interessen, nachhaltige Tourenplanung oder umweltfreundliche Mobilität werden systematisch in die Camp-Inhalte integriert. Ziel ist es, nachhaltiges Verhalten nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern im Gelände erlebbar zu machen und dadurch langfristige Verhaltensänderungen anzustoßen.
Zudem nutzt AAC gezielt die Chancen der Digitalisierung, etwa durch eine digitale Plattform mit Lernangeboten und Tools zur nachhaltigen Tourenplanung. Damit geht das Projekt über das klassische Camp-Format hinaus und verfolgt das Ziel, nachhaltigen Outdoorsport als langfristigen Standard im Alpenraum zu etablieren.
F.acT: Im Rahmen des Projektes wurde auch eine AAC-Studie durchgeführt. Welche zentralen Erkenntnisse konnten daraus gewonnen werden?
Thilo Bohatsch: Eine zentrale Erkenntnis der Studie zum nachhaltigen Outdoorsport der Universität Innsbruck ist, dass Nachhaltigkeit für viele Bergsportler:innen grundsätzlich ein wichtiges Thema darstellt, vor allem im Zusammenhang mit Ressourcenschonung und langfristiger Nutzung von Produkten. Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine Lücke zwischen Einstellung und tatsächlichem Verhalten, etwa bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel für die Anreise in die Berge. Hier besteht laut Studie besonderer Informations- und Sensibilisierungsbedarf.
Darüber hinaus wurde deutlich, dass Veränderungen im alpinen Raum stark wahrgenommen werden, insbesondere im Landschaftsbild (z. B. Gletscherrückgang), bei Wetterbedingungen sowie durch die steigende Besucherfrequenz. Diese Entwicklungen erhöhen den Druck auf Natur und Infrastruktur und machen Besucherlenkung, Anpassungsfähigkeit und mehr Eigenverantwortung im Bergsport notwendig. Expert:innen betonen daher die Bedeutung gezielter Information und praxisnaher Ausbildung, um nachhaltiges Verhalten im alpinen Raum zu fördern.
Insgesamt liefert die Studie damit eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung der AAC-Formate, die Sicherheit und Nachhaltigkeit stärker miteinander verbinden sollen. Es wurden ca. 1.000 Outdoorsportler:innen in Tirol und Bayern befragt und durch Tiefeninterviews mit Tourismus- und Nachhaltigkeitsexpert:innen ergänzt.
F.acT: Wie können neben der breiten Gesellschaft insbesondere Tourismusverbände und touristische Leistungsträger von AAC profitieren?
Thilo Bohatsch: Wir stellen Tourismusverbänden kostenfrei nutzbare Inhalte zur Verfügung. Materialien und Informationen der Website können direkt für die Gästeinformation, die Kommunikation oder Schulungen von Guides und Mitarbeitenden übernommen werden. Dazu steht auch das umfassende AAC-Konzept als praxisorientierte Hilfestellung zum Download bereit. Dieses bietet konkrete Prozesse und Beispiele, wie Nachhaltigkeit in der Aus- und Weiterbildung – etwa von Wanderführer:innen oder Vermieter:innen – systematisch integriert werden kann.
Ein weiterer Nutzen liegt in der strategischen Destinationsentwicklung. Die wissenschaftliche AAC-Studie liefert Tourismusverbänden fundierte Daten zu Trends im Outdoorsport, zu wahrgenommenen Veränderungen im alpinen Raum sowie zu Bedürfnissen der Gäste. Diese Erkenntnisse können für Produktentwicklung, Argumentation gegenüber Entscheidungsträgern oder die Weiterentwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien eingesetzt werden.
Last but not least sind SAAC-Camps keine reinen Sicherheitscamps mehr. Da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer alles über die Schutzwürdigkeit unserer alpinen Fauna und Flora erfahren hat mit einem SAAC Camp auch eine Nachhaltigkeitsmaßnahme mehr in seinem Portfolio vorzuweisen.

