Inspiration

Biodiversität in Tirol

Und welchen Beitrag der Tourismus dazu leisten kann

F.acT: Was versteht man unter dem Begriff der Biodiversität? Und wieso ist dieser für den Tourismus wichtig?

The man, dressed in a teal shirt, beams joyfully while surrounded by a breathtaking view of distant mountains.

Hermann Sonntag: Die meisten Menschen verstehen landläufig unter dem Begriff die Artenvielfalt. Biodiversität ist aber mehr als das. Es geht auch um die Vielfalt von Lebensräumen, da diese immer in Zusammenhang mit den Arten stehen. Ebenso gehört die genetische Vielfalt zu diesem Begriff. 

In Tirol bietet sich eine einfache Gliederung nach den Höhenstufen an:

  • Tallagen: nachdem wir in Tirol nur 13% Dauersiedlungsraum haben, ist hier der Raum für Natur per se sehr knapp. Seit den 1950er Jahren ist der Flächenverbrauch deutlich angestiegen und damit liegt ein Interessenkonflikt zwischen Mensch und Natur vor. Die Natur wird immer stärker zurückgedrängt. Das Ergebnis sind beispielsweise stark begradigte Flüsse, Verlust von Auen und Feuchtgebieten.
  • Waldstufe: diese ist im Gegensatz zu den Tallagen oder zu Gebieten außerhalb der Alpen naturnäher und beherbergt zumindest teilweise wichtige Lebensgemeinschaften. Hier spielt das Thema der Artenvielfalt eine große Rolle. Nachdem über Jahrzehnte die Fichte gefördert wurde, welche der zunehmenden Trockenheit durch den Klimawandel und dem Borkenkäfer als Flachwurzler ausgeliefert ist, setzt man seit einigen Jahren auf Mischwälder und mehr Baumvielfalt. Dabei ist es jedoch wichtig, keine regionsfremden Arten anzusiedeln, sondern regionale Alternativen zu finden. Als Schutzwald hat diese Stufe aber auch eine wichtige Funktion für die Tallagen.
  • Almen: diese Flächen sind nicht - wie vielfach gedacht - Naturlandschaften, sondern Kulturlandschaften, sprich Landschaften, die durch aufwendige Arbeit von Menschen seit Jahrhunderten bewirtschaftet werden. Sie stellen – bei entsprechender Bewirtschaftung - mit die artenreichsten Flächen dar. Neben den Futterflächen für die Landwirtschaft dienen sie auch als Erholungsgebiet für Einheimische und Gäste und sind für die Tourismusidentität extrem wichtig. Werden diese Flächen aufgelassen, verbuschen die Almbereiche und verlieren ihre Arten, werden sie jedoch zu intensiv genutzt, so leiden sie schnell an Überdüngung, Trittschäden und Erosion. Nur der „goldene Mittelweg“ erhält die Artenvielfalt!
  • Hochgebirge: hier finden sich vor allem Felsen und Gletscher mit extremen Spezialisten bei Flora und Fauna. Der Gesamtdruck auf die Landschaft ist abseits von Infrastruktur wie Schigebiete und Wasserkraftwerke geringer als im Tal. 

F.acT: Wie steht es um die Biodiversität in Tirol?

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Hermann Sonntag: Einerseits weist Tirol aufgrund der eben beschriebenen Höhenstufen eine hohe Biodiversität auf, andererseits sind vor allem der Siedlungsraum als auch wirtschaftlich stark genutzt Landschaften immer häufiger unter Druck. 

Was die Artenvielfalt anbelangt, so wurden für Tirol beispielsweise knapp mehr als 3.000 Pflanzenarten und 2.800 Schmetterlingsarten erfasst (Quelle: Universität Innsbruck, Institut für Ökologie). Viele – vor allem zoologische - Daten wurden in der Vergangenheit von Laien erfasst. Heute kommen auch moderne, genetische Methoden ergänzend hinzu. 

Dazu zählen auch unsere Flüsse, die mit ihrer Umgebung ein Ökosystem bilden. Diese sind mitunter die am stärksten gefährdeten Lebensräumen. Auch hier stehen sich unterschiedliche Interessen gegenüber. Einerseits durch den Wasserkraftausbau oder den Hochwasserschutz, andererseits gelten naturnahe Flussabschnitte als Juwelen für Erholung, Wassersport und touristische Angebote. 

Auch Moore haben einen speziellen Stellenwert, wenn es um Biodiversität geht. Diese nehmen zwar in Tirol nicht große Flächen ein, sind aber Heimat absoluter Spezialisten. So kommen dort spezialisierte Torfmoose, Wollgräser oder der Sonnentau vor. Ebenso dienen sie als Kohlenstoffspeicher. Über verschiedene Initiativen wird aktuell versucht, den Moorschutz und die Revitalisierung der Moore voranzutreiben, nachdem diese über Jahrzehnte entwässert und genutzt wurden. Dazu zählt das österreichweite AMooRE Projekt. Bei der richtigen Nutzung können so Moore sowohl als natürliche Klimaschutz-Infrastruktur als auch als Lebensraum und Orte des extensiven Naturerlebnisses erhalten werden. 

Dann gibt es auch noch die Trockenrasen im Tiroler Oberland, Vinschgau und Engadin, wo ähnliche Arten wie in der pannonischen Tiefebene vorkommen. Hier spielen dann besondere Bewässerungssysteme wie Waale und sogenannte Pitzen eine Rolle. 

F.acT: Wie kann der Tourismus die Biodiversität aktiv fördern?

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Hermann Sonntag: Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Einmal gibt es einen direkten Hebel. Viele Tourismusbetriebe sind aus der Landwirtschaft heraus entstanden und verfügen über Grundbesitz und können über ihre Bewirtschaftung von eigenen Wiesen und Wäldern einen Beitrag leisten. Damit kann hier z.B. Totholz im Wald stehen gelassen werden, welches einen wesentlichen Faktor für die Artenvielfalt im Wald darstellt. Das Biohotel Leutascherhof hat zudem eine Initiative ins Leben gerufen, bei der die Gäste für die Nicht-Reinigung des Hotelzimmers einen Holzspecht vor die Tür hängen können. Die dadurch eingesparten Kosten stellt die Familie Wandl seit Jahren für die Abgeltung der Waldbesitzer zur Verfügung und somit gelingt es gemeinsam, auf unbürokratische Art und Weise Spechtbäume für einen Wald voller Leben zu fördern. Diese sogenannten "Lebensbäume" dienen als wichtiger Lebensraum für Spechte und Eulen. 

Auch indirekt kann man sich für Biodiversität und Artenschutz einsetzen. Das Hotel Der Stern in Obsteig mit seiner Stern Philosophie “I schaut auf Di, Du schaugsch auf mi” setzt sich seit vielen Jahren bewussten mit den Themen Klimaschutz, Artenvielfalt und Mobilität auseinander. Bewusstseinsbildung spielt hierbei eine zentrale Rolle. Über den CO2 Klima Check-in lernen Gäste, wie sie ihren Aufenthalt nachhaltiger gestalten können. Zu den Angeboten zählen auch das Larchbaden auf den nahe gelegenen Lärchwiesen. Zudem wird viel heimisches Lärchenholz für die architektonische Ausführung verwendet. 

Der größte Hebel des Tourismus für die Biodiversität liegt wohl im Kerngeschäft, indem schlichtweg nicht jeder sensible Lebensraum beworben wird. Jede/r Mitarbeiter*in an der Rezeption kann einen wichtigen Beitrag leisten, indem Gäste darüber aufgeklärt werden, wo es offizielle Bike- oder Wander-Routen gibt. Durch gezielte Kommunikation kann hier Respekt für Bäuerinnen und Bauern geschaffen und Lebensräume entlastet werden.

 

 

Hermann Sonntag

Herrmann Sonntag beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit Naturschutz, Schutzgebietsmanagement, den Schutz und die Wiederherstellung von alpinen Lebensräumen sowie der Bewusstseinsbildung. Nach vielen Jahren als Geschäftsführer des Naturpark Karwendels ist er seit 2023 mit sonntagplus selbständig und unterstützt Schutzgebiete, Gemeinden und Regionen rund um die Themen Natur- und Klimaschutz. 

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