F.act: In der Presse wird viel von Overtourism in den Alpen berichtet. Wie versucht die Region Seefeld, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen?
Michaela Kraler: Über das Jahr hinweg gibt es saisonale Spitzen, in denen eine ausgewogenere Verteilung der Gästeströme bereits jetzt sinnvoll ist. Deshalb war für uns früh klar: Wir wollen nicht erst reagieren, wenn es kritisch wird, sondern bewusst im Vorfeld ansetzen. Bis dato wurden unsere Ausflugstipps über die Erfahrung und das Bauchgefühl unserer Mitarbeiter:innen gesteuert – mit viel Know-how, aber ohne objektive Entscheidungsgrundlage. Genau hier setzt das Projekt der digitalen Besucherlenkung an. Es soll uns helfen, fundierter einzuschätzen, wo sich Besucherströme entwickeln – und entsprechend sanfte Empfehlungen auszusprechen.
Gleichzeitig ist uns bewusst: Zu behaupten, wir könnten dadurch unsere Besucher:innen „lenken“, wäre ein sehr ambitioniertes Ziel. Ob und wie sehr diese Informationen das tatsächliche Verhalten beeinflussen, können wir nicht garantieren. Wir verstehen das Projekt daher als Informationsangebot, das bessere Entscheidungsgrundlagen schafft und einen bewussteren Umgang mit hoch frequentierten Räumen ermöglicht.
F.acT: Welche konkreten Datenquellen und Technologien verwendet ihr zur Prognose und Steuerung der Besucherströme, und wie werden diese für die digitale Besucherlenkung eingesetzt?
Michaela Kraler: Im Zentrum des Projekts stehen anonymisierte Mobilfunkdaten an definierten Points of Interest. Ergänzt werden diese durch Wetterdaten, Ferienkalender-Daten der wichtigsten Herkunftsmärkte sowie Event-Daten. Diese Daten werden in ein Machine-Learning-System eingespeist, das daraus Prognosen zur zukünftigen Auslastung erstellt. Auf Basis dieser Prognosen werden Schwellenwerte festgelegt, die eine Einordnung in „wenig“, „mäßig“ oder „gut besucht“ ermöglichen. Ausgespielt werden die Prognosen auf unserer Website und in der VisitSeefeld App. Dort fließen sie direkt in die Ausflugstipps ein: Ziele mit hoher prognostizierter Auslastung werden weniger sichtbar gemacht, stattdessen werden Alternativen mit einem niedrigeren Besucheraufkommen vorgeschlagen.
F.acT: Wer profitiert von diesen neuen Daten und Erkenntnissen?
Michaela Kraler: Von den neuen Daten und Erkenntnissen profitieren unterschiedliche Gruppen auf mehreren Ebenen. Gäste erhalten eine bessere Orientierung und können ihre Ausflüge bewusster planen – insbesondere an stark frequentierten Tagen. Gleichzeitig werden Naturräume entlastet und Einheimische erleben weniger punktuelle Überlastung, was zur langfristigen Akzeptanz des Tourismus beiträgt.
Auch Betriebe profitieren von einer ausgewogeneren Verteilung der Wertschöpfung, insbesondere abseits klassischer Hotspots. Für den Tourismusverband bieten die Daten eine fundierte Grundlage für strategische Entscheidungen, gezieltere Steuerung und die langfristige Weiterentwicklung der Destination.
F.acT: Welche praktischen Herausforderungen sind bei der Umsetzung aufgetreten und welche Neuerungen oder Weiterentwicklungen sind für die kommenden Jahre geplant?
Michaela Kraler: Eine zentrale Herausforderung lag in der Definition und Abgrenzung der Points of Interest sowie in der Frage, wann ein Gebiet als „voll“ gilt. Ebenso anspruchsvoll waren der Interessensausgleich unterschiedlicher Gruppen und eine klare, verständliche visuelle Darstellung der Daten.
Für die kommenden Jahre ist eine Weiterentwicklung geplant: Die Prognosen sollen an weiteren Touchpoints ausgespielt werden, Event-Daten detaillierter einfließen und die POIs stärker auf die Wintersaison angepasst werden – da das Projekt mit dem Sommer gestartet ist. Zudem sollen die Prognosen durch die Einbindung der Daten von sieben neuen Wetterstationen noch präziser werden. Ziel ist ein lernendes System, das immer genauer auf saisonale Unterschiede und reale Nutzungsmuster reagiert.

