F.acT: Wieso ist Frauengesundheit ein Zukunftsthema für den Tourismus?
Claudia Gföller und Sabine Hasenauer-Scheiber: Weil Gesundheit für Frauen zunehmend mehr bedeutet als Wellness und Entspannung. Gerade Frauen in der Lebensmitte wollen verstehen, was in ihrem Körper passiert, wie sie ihre Gesundheit erhalten können und was ihnen langfristig guttut. Die Jahre rund um die Wechseljahre können mit Veränderungen bei Schlaf, Energie, Stressregulation, Konzentration, Stoffwechsel oder körperlichem Wohlbefinden verbunden sein. Gleichzeitig stehen viele Frauen in dieser Lebensphase mitten im Berufs- und Familienleben, tragen Verantwortung und funktionieren oft über lange Zeit. Im Alltag fehlt jedoch häufig genau das, was Gesundheit braucht: Zeit, Abstand und die Möglichkeit, den eigenen Körper wieder wahrzunehmen. Und hier liegt eine große Chance für den Tourismus.
Urlaub schafft einen besonderen Raum. Der Terminkalender wird leerer, der Abstand zum Alltag größer und plötzlich wird wieder spürbar: Wie geht es mir eigentlich? Was brauche ich? Was könnte ich verändern? Unsere aktuelle Befragung von 50 Frauen zum Thema „Frauengesundheit im Urlaub“ bestätigt dieses Bedürfnis sehr deutlich. Gefragt sind nicht nur Erholung und Wellness. Frauen interessieren sich insbesondere für Themen wie Stress und Erschöpfung, Schlaf, Bewegung und körperliche Kraft, Prävention sowie Hormongesundheit. Besonders interessant ist, dass sich viele Frauen etwas wünschen, das über den Urlaub hinausgeht: 68% möchten langfristig umsetzbare Impulse mit nach Hause nehmen, 60% wünschen sich alltagstaugliche Übungen und ebenfalls 60% neue Energie.
Gesundheitstourismus kann deshalb mehr sein als einige Tage Erholung. Er kann Frauen Wissen, Orientierung und konkrete Werkzeuge mitgeben, die sie auch nach ihrer Rückkehr in den Alltag weiter nutzen können. Damit verändert sich auch die Vorstellung vom Gesundheitsurlaub: weg vom reinen „Verwöhnt werden“ hin zu einem Aufenthalt, der Regeneration, Gesundheitswissen und nachhaltige Impulse miteinander verbindet. Für uns ist Frauengesundheit deshalb kein kurzfristiger Wellness-Trend, sondern ein Zukunftsthema.
F.acT: Welche speziellen Bedürfnisse hat diese Zielgruppe?
Claudia Gföller und Sabine Hasenauer-Scheiber: Eine Frau mit 45 oder 55 Jahren hat andere gesundheitliche Bedürfnisse als eine Frau mit 25. Schlaf kann schlechter werden, Regeneration wichtiger und der Erhalt von Muskelkraft, Knochengesundheit und der eigene Stoffwechsel gewinnen an Bedeutung. Manche Frauen erleben Hitzewallungen oder Schlafprobleme, andere Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder eine geringere Belastbarkeit. Und gleichzeitig erlebt keine Frau diese Lebensphase gleich. Genau deshalb braucht es Angebote, die Wahlmöglichkeiten bieten und Frauen nicht in ein vorgefertigtes Schema pressen.
Unsere aktuelle Umfrage zeigt sehr gut, was Frauen tatsächlich suchen. Besonders wichtig sind ihnen Ruhe und Zeit für sich, gleichzeitig aber auch fundiertes Wissen über Frauengesundheit und Angebote für mentale Gesundheit und Stressregulation. Und sie wollen nicht nur konsumieren. 80% wünschen sich konkrete Tipps, die sie anschließend in ihren Alltag integrieren können. 60% möchten einen persönlichen Tagesplan oder kurze Übungen mit nach Hause nehmen. Mehr als die Hälfte nennt bewusst Zeit und Ruhe als wichtigen Bestandteil eines Gesundheitsaufenthaltes. Das ist ein entscheidender Punkt. Die Frauen wollen nicht einfach ein zusätzliches Wellnesspaket. Sie wollen verstehen: Was tut mir gut? Was kann ich selbst beeinflussen? Und wie schaffe ich es, dieses Wissen auch zu Hause umzusetzen?
Gerade für Frauen in der Lebensmitte können deshalb Angebote interessant sein, die verschiedene Ebenen verbinden: Bewegung und körperliche Kraft, Schlaf und Regeneration, Ernährung, Hormongesundheit, Stressregulation, mentale Gesundheit, Naturerlebnisse und Prävention. Dabei geht es nicht darum, jede Frau mit einem „Wechseljahresprogramm“ anzusprechen. Manche Frauen möchten sich intensiv mit ihrer Gesundheit beschäftigen, andere suchen vor allem Ruhe, Bewegung oder Natur. Gute Frauengesundheitsangebote geben deshalb Orientierung, ohne vorzuschreiben. Und genau darin liegt für uns der Unterschied zum klassischen Wellnessurlaub: Die Erholung endet nicht beim Check-out. Ein gutes Gesundheitsangebot gibt der Frau etwas mit, das auch Wochen später noch Teil ihres Alltags sein kann.
F.acT: Wie können Tourismusbetriebe konkret neue Angebote für diese Zielgruppe schaffen?
Claudia Gföller und Sabine Hasenauer-Scheiber: Der erste Schritt ist überraschend einfach: nicht sofort ein neues Produkt entwickeln, sondern zunächst die Perspektive der Gästin einnehmen. Wie schläft sie? Wo findet sie Ruhe? Welche Bewegungsangebote gibt es? Sind diese ausschließlich leistungsorientiert oder gibt es auch Kraft, Mobilität, Entspannung und Regeneration? Gibt es ausgewogene, proteinreiche Ernährung? Gibt es Rückzugsorte? Und wissen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche gesundheitlichen Veränderungen Frauen in dieser Lebensphase beschäftigen können? Oft ist schon sehr viel vorhanden. Eine Wanderung in der Natur, gutes Essen, ein ruhiges Zimmer, Bewegung, Sauna oder ein Rückzugsort sind bereits wertvolle Bausteine. Entscheidend ist, diese Elemente aus der Perspektive der Frauengesundheit neu miteinander zu verbinden.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Verbindung von Erholung und Wissen. Wenn eine Frau nach drei Tagen nicht nur entspannter nach Hause fährt, sondern beispielsweise weiß, wie sie ihren Schlaf unterstützen kann, welche Rolle Muskelkraft ab der Lebensmitte spielt oder wie sie Stress im Alltag besser regulieren kann, entsteht ein anderer Wert des Aufenthalts. Dafür muss nicht jedes Hotel zum Gesundheitszentrum werden. Viel sinnvoller ist es, vorhandene Kompetenzen im Tourismus mit qualifizierten Fachpersonen aus Frauengesundheit, Bewegung, Ernährung oder psychosozialer Gesundheit zu vernetzen.
Gerade Tirol bringt dafür ideale Voraussetzungen mit: Natur, Berge, Bewegung, Ruhe, hochwertige Gastgeberinnen und Gastgeber sowie eine starke Gesundheits- und Wellnesskompetenz sind bereits vorhanden. Wenn diese Stärken gezielt mit fundierter Frauengesundheit verbunden werden, kann daraus ein eigenständiges touristisches Profil entstehen mit Angeboten, die Frauen nicht nur erholen, sondern ihnen Orientierung und etwas Bleibendes mitgeben.

