
Die Kernbotschaften des Abends auf einen Blick
In Kooperation mit dem Land Tirol, der Universität Innsbruck und dem MCI | Die Unternehmerische Hochschule widmete sich die zweite Ausgabe der F.acT-Talks einem hochaktuellen Thema, der Betriebsnachfolge und Übergabe im Tourismus. Knapp 100 Teilnehmende aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft und Tourismus folgten der Einladung.
Keynote Anita Zehrer, Zentrum Familienunternehmen
Prof. Dr. Anita Zehrer, Leiterin des Zentrums Familienunternehmen am MCI, beleuchtete in ihrem Vortrag die Brisanz des Themas. In Tirol gibt es rund 17.400 Familienunternehmen. Das sind drei Viertel aller Unternehmen. Im Tourismus liegt der Anteil mit 92% noch höher. Insgesamt sind ca. 60.000 Mitarbeitende im Tourismus in Familienbetrieben beschäftigt. Die Familie stellt im Familienunternehmen gleichzeitig den größten Vorteil dar, kann aber auch der größte Nachteil sein, je nachdem, ob die Familie in Frieden oder Unfrieden ist. Zu den Erfolgsfaktoren von familiengeführten Unternehmen zählen ihre Familien-DNA und das hohe Identitätsbewusstsein als Sympathieträger, die langfristige Orientierung über Generationen hinweg sowie die starke Mitarbeiterbindung und Kundenorientierung. Gleichzeitig wurde aber auch darauf hingewiesen, dass die Übernahme eine große Herausforderung darstellt. In Tirol stehen in den kommenden Jahren ca. 2.600 bis 3.000 Betriebe vor der Nachfolge, in 45% der Fällen ist diese aber noch nicht geklärt (WKT, 2017). Schief gehen kann bei der Übergabe auch so einiges, angefangen von fehlender Kommunikation, dem “Nicht loslassen wollen” der Übergebenden oder dem fehlenden Wunsch der jüngeren Generationen zu Übernehmen.
Im 3 Gipfel-Modell (Zehrer, 2023) wurde klar ersichtlich, wie wichtig der gemeinsame Weg von Übergebenden und Übernehmenden ist. Dabei spielt hier die Familie als emotionale Ebene, das Unternehmen als organisatorische und strategische Ebene als auch das Eigentum als formale Ebene eine zentrale Rolle. Dieser Übergabeprozess dauert durchschnittlich zwischen fünf und acht Jahre. „Eine saubere Übergabe beginnt lange vor der Unterschrift“, fasst Anita Zehrer zusammen. „Wer frühzeitig in der Familie über Nachfolge spricht, Vertrauen statt Kontrolle lebt, klare Rollen definiert und eine offene Dialogkultur pflegt, macht aus dem Generationenwechsel keinen Risikofaktor, sondern einen strukturierten Prozess. Entscheidend ist, die eigenen Werte zu bewahren und gleichzeitig Raum für neue Ideen zu öffnen", berichtet Anita Zehrer.
Podiumsdiskussion mit Übernehmer:innen
Nach der Keynote kam auch die Praxis selbst zu Wort. In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Valentina Ultsch (Head of People & Organization und Prokuristin harry’s home & ADLER Hotels) und Josef „Sepp“ Schwaiger (Geschäftsführer, Inhaber und Gastgeber der Eder Collection / Eder Hotels GmbH) diskutierte man das Thema auch von der praktischen Seite.
Für Josef „Sepp“ Schwaiger ist Unternehmertum in den Betrieben der Familie Eder in Maria Alm am Hochkönig gelebter Alltag: „Unternehmertum und Familie wird bei uns nicht getrennt – wir leben das. Ich habe früh Verantwortung bekommen und mich im Ort eingebracht. Schließlich sind wir als Region gewachsen – heute hat die Region Hochkönig rund 1,5 Millionen Nächtigungen. Bei der Betriebsübergabe war es jedoch zentral, klare Verantwortungen zu verteilen und Selbstvertrauen aufzubauen. Am Ende muss man wertschätzen, dass man sich entfalten darf.“
Valentina Ultsch ist bei der stark wachsenden Familienhotelgruppe harry’s home & ADLER Hotels für die Personal- und Kulturarbeit verantwortlich. Das Motto „We all are family“ war irgendwann nicht mehr zeitgemäß: „So ein Slogan ist für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schwer mitzutragen – heutzutage muss man eher Werte leben, mit denen man sich identifizieren kann. Für den Übergabeprozess haben wir klare Rollen definiert.“ Zu ihrer Rolle als Nachfolgerin: „Ich bin nicht die gleiche Führungskraft, wie vor drei Jahren – man entwickelt sich weiter.“
So griff die 2. Ausgabe der F.acT Talks die strategische Zukunftsfrage der Nachfolge aus wissenschaftlicher und praktischer Perspektive auf. „Mit den F.acT Talks übersetzen wir Forschung in konkrete Impulse für Betriebe. So wird aus Wissen gelebte Praxis im Tourismus“, betonen die wissenschaftlichen Träger von F.acT, Hubert Siller (Leiter des Departments für Tourismus- und Freizeitwirtschaft am MCI) und Birgit Pikkemaat (Institut für Management und Marketing, Team KMU & Tourismus, Universität Innsbruck), unisono.





