Inspiration

Fließgewässer in Tirol

F.acT: Wie würden Sie die aktuelle ökologische Situation der Fließgewässer in Tirol beschreiben, insbesondere im Spannungsfeld zwischen natürlicher Dynamik, Nutzung und Schutzmaßnahmen?

A man with short hair and a neutral expression poses in front of a vibrant abstract painting featuring red and green hues.

Zur aktuellen ökologischen Situation der Fließgewässer in Tirol liegen umfangreiche Datengrundlagen zur Verfügung. Eine tirolweite Bewertung findet sich im TIRIS unter dem Thema „Naturschutzplan Fließgewässer“. Darin ist die naturräumliche Bedeutung der Tiroler Gewässer in fünf Stufen von „sehr erhaltenswürdig/sehr hohe Bedeutung“ bis „entwickeln – prüfen/geringe Bedeutung“ dargestellt. 

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass in den Schutzgebieten und im Hochgebirge noch Fließgewässerabschnitte mit sehr naturnaher Morphologie und Hydrologie zu finden sind, und dass die Naturnähe mit der Nähe zum Dauersiedlungsraum abnimmt. Besonders die größeren Fließgewässer in den Talräumen sind überwiegend in ein enges Korsett eingebunden und hydrologisch - sei es durch Wasserentnahmen oder Sunk/Schwall - belastet. Als naturnahe Highlights sind bei den größeren Flüssen der Tiroler Lech und die Isel zu nennen, die abschnittweise weite Talräume einnehmen und entsprechende Strukturen wie naturnahe Uferbereiche, Schotterbänke, Weiden-Tamarisken-Gebüsche, Verzweigungsstrecken, Auwälder und weitere Fließgewässerlebensräume aufweisen. Diese Habitatvielfalt ermöglicht den Fortbestand weiterer spezialisierter Arten, wie zum Beispiel kiesbankbrütender Vogelarten (Flussregenpfeifer, Flussuferläufer) und spezialisierten Insekten. Zwar besteht auch auf diesen „letzten naturnahen Flussräumen“ ein Nutzungsinteresse, z.B. durch Wasserkraft, allerdings besteht hier ein Schutz durch die Ausweisung als Schutzgebiet bzw. Natura 2000 Gebiet.

F.acT: Welche zentralen Herausforderungen und Handlungsfelder sehen Sie derzeit im Gewässerschutz in Tirol, insbesondere im Kontext von Klimawandel, Biodiversität und zunehmendem Nutzungsdruck?

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Naturnahe Fließgewässer sind eine endliche Ressource, werden aber nicht immer als solche wahrgenommen. Fließgewässer stellen Brennpunkte dar, an denen aktuelle Zielkonflikte sichtbar werden. Einerseits ist es erforderlich, im Hinblick auf den Klimawandel erneuerbare Energiequellen, wie Wasserkraft, zu nutzen, andererseits verändert ein Wasserentzug die natürliche Hydrologie und hat damit Auswirkungen auf die natürlich vorkommenden Arten und Lebensräume. In diesem Spannungsfeld sehe ich eine Herausforderung darin, die zum Teil emotional aufgeladenen Standpunkte auf einer sachlichen Ebene zu diskutieren und Entscheidungen aufgrund sachlich nachvollziehbarer Kriterien zu fällen. 

Klimawandel und Fließgewässer: Der Klimawandel bedingt zunehmend höhere Hochwasserspitzen durch Starkregenereignisse, aber auch Trockenphasen. Gerade beim Hochwasserschutz gibt es Synergien, da breite naturnahe Gewässerprofile mehr Wasser aufnehmen können und naturnahe Räume auch mehr Retentionspotential aufweisen. Daher ist es hier sehr wichtig, dass das Thema Hochwasser nicht isoliert betrachtet wird, sondern als Querschnittsthema unter Berücksichtigung weiterer Interessen. Dies passiert bereits durch die Planungen der Gewässerentwicklungs- und Risikomanagement-Konzepte (kurz GE-RM, z.B. an Isel-Drau), bei denen auch Naturschutz-Aspekte und damit Biodiversität mitgedacht werden. 

Biodiversität und Fließgewässer: Sehr naturnahe Fließgewässer bilden Hotspots an seltenen und gefährdeten Arten, ein Beispiel: 90% der Tiroler Bestände des Flussregenpfeifers brüten am Tiroler Lech, weiters dort: Flussuferläufer, Kiesbank-Wolfsspinne, Kiesbank-Grashüpfer, Türks-Dornschrecke, etc. lauter äußerst seltene Spezialisten. Dort wo es bereits einen gesellschaftlichen Konsens für den Erhalt der Fließgewässer und ihrer Biodiversität gibt, wie zum Beispiel in ausgewiesenen Schutzgebieten, ist es daher wichtig, diese Schutzziele konsequent zu respektieren. Naturräume sind in der Regel das Ergebnis langfristiger Entwicklungen (über Jahrhunderte), Nutzungsentscheidungen umfassen in der Regel nur einige Jahrzehnte, diese unterschiedlichen Zeithorizonte sind dabei ebenfalls von Bedeutung.

Fließgewässer und Nutzungsdruck: Es gibt Nutzungen, die gut gesteuert werden können, z.B. Erholungsnutzung an Fließgewässern durch Attraktionspunkte, Beschilderung, Parkplätze, und sich daher gut mit den Zielen des Erhalts der Biodiversität verbinden lassen. Andere Nutzungen, wie Gewerbegebiets- oder Siedlungsentwicklung zu Lasten von Auwäldern oder Wasserkraftnutzung stellen in sehr sensiblen Gebieten „Entweder-Oder“ -Entscheidungen dar. Nicht für alle Nutzungsinteressen können Kompromisse gefunden werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass aus Sicht von sehr gefährdeten Arten in der Vergangenheit bereits viele Kompromisse eingegangen wurden, weitere „Kompromisse“ würden bei solchen Arten die Aussterbewahrscheinlichkeit deutlich erhöhen. 

Bei den übrigen Fließgewässern gilt es bei Zielkonflikten abzuwägen, ob der Nutzen auf der einen Seite den Schaden bei der Biodiversität tatsächlich überwiegt.

F.acT: Welche Rolle kann aus Ihrer Sicht der Tourismus im Schutz und in der ökologischen Aufwertung bzw. Renaturierung von Fließgewässern einnehmen, und wo sehen Sie konkrete Ansatzpunkte für Kooperationen zwischen Tourismus, Umweltschutz und öffentlicher Hand?

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Naturnahe Fließgewässer sind ein Kapital, deren Wert in Zukunft nicht nur aus Sicht des Tourismus, sondern auch im Hinblick auf die Naherholung weiter zunehmen wird. Hier sehe ich unsere Schutzgebiete, insbesondere die Naturparke als Modellregionen, in denen über Naturerlebnis positive Emotionen in Verbindung mit naturnahen Fließgewässern erzeugt werden, wodurch den Besucher:innen und Anwohner:innen die Bedeutung von naturnahen Gewässern wiederum bewusster wird.

Am Beispiel Naturpark Tiroler Lech: Das Fließgewässer mit allen Lebensräumen, Arten und abiotischen Facetten stellt hier das zentrale Schutzgut dar. Der Naturpark ist als Verein organisiert, in dem auch die TVBs Naturparkregion Reutte und Umgebung und Lechtal Tourismus im Vorstand vertreten sind. Die Ausarbeitung des Managementplanes für das Schutzgebiet wurde unter Mitwirkung dieser beiden Tourismusinteressenvertretungen ausgearbeitet.

Diese Kooperation führt zu Maßnahmen, die eine Besucherlenkung ermöglichen, welche einerseits für die Tourist:innen aber auch für den Erhalt der Biodiversität einen Mehrwert darstellen. Wie Beschilderung mit Information, aber auch Hinweise zu seltenen Arten, die beobachtet werden können, Parkplatzangebot an sowohl touristisch als auch aus Naturschutzsicht sinnvollen Standorten, Besucherzentrum mit Ausstellung etc.

Weiters ist die Naturparkverwaltung am Tiroler Lech mit den Raftinganbietern in der Region im regelmäßigen Austausch, die Raftinganbieter:innen wissen, zu welchen Zeiten, welche Kiesbänke nicht betreten werden sollen, um bestimmte Arten erhalten zu können, andererseits haben sie einen Mehrwert, durch die Infos, weil sie ihren Gästen auch fundierte Infos zu Natur-Highlights und manchmal auch besondere Beobachtungen bieten können.

Es gibt weiters Hotels und Gasthöfe, die als Partnerbetriebe des Naturparkes auftreten. Gegen einen Jahresbeitrag werden diese Betriebe mit gezielten Informationen zu Naturführungen und Veranstaltungen im Naturpark, wie auch Ausstellungen etc., versorgt.

Ein Tourismus, der sich des Natur-Kapitals einer Region (in diesem Fall Fließgewässer) bewusst ist, führt auch zu einer Sensibilisierung der Einheimischen und kann somit unterstützend für den Erhalt der Fließgewässer-Naturräume sein.

Walter Michaeler

Walter Michaeler studierte Botanik und Ökologie an der Universität Innsbruck und war im Anschluss als Biologe in der Privatwirtschaft tätig. Später kam er als Amtssachverständiger im Bereich Begutachtung von Vorhaben, Biotopkartierung, Projektkoordination für Revitalisierungsprojekte und Koordination Naturparke in der Abteilung Umweltschutz beim Amt der Tiroler Landesregierung. Seit 2025 ist er nun Fachbereichsleitung für Naturkunde in der Abteilung Umweltschutz beim Land Tirol.

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